Himmelfahrt in eine höllische Geschichte


Mödlareuth


„…Die Amerikaner nannten es „Little Berlin“, dieses Dorf am Ende der Welt, das ebenso wie sein großer Bruder zum Symbol der deutschen Teilung wurde. In Mödlareuth gab es eine Mauer, aber keinen Checkpoint. Über 37 Jahre war es auf legalem Wege nicht möglich, die Grenze zu überschreiten, um von dem einen in den anderen Ortsteil zu gelangen. Hier war Sperrgebiet auf der einen und Besucherandrang auf der anderen Seite. Hier war es verboten von Ost nach West zu winken oder zu grüßen…“ (Auszug einer Informationstafel aus dem Deutsch-Deutschen Museum Mödlareuth)

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Nach der Gründung der zwei deutschen Staaten 1949 bildete ausgerechnet der mitten durch den Ort fließende Tannbach die Landesgrenze  dieser 50-Seelen-Gemeinde. Somit gehörte die eine Seite des Dorfes nun zur BRD, der andere zur DDR. Anfangs war es noch möglich, diese Grenze mit einem Passierschein zu überschreiten, doch das änderte sich schlagartige mit dem Erlass einer Verordnung von 1952. Mödlareuth erhielt, ähnlich wie Berlin, eine Sonderstellung und gehörte zu einem der „hochsensiblen“ Bereich der DDR. Man begann mit dem Auf-und sukzessiven Ausbau der Grenzsperranlage, der 14 Jahre später seinen Höhepunkt mit dem Bau einer 700m langen Betonmauer erreichte, die das Dorf bis 1989 teilte. Langjährige Freundschaften, ganze Familien, ja eine gesamte Dorfgemeinschaft wurde somit einfach entzweit.

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Zwangsaussiedlungen

1952 begann die erste Zwangsaussiedlungswelle entlang der innerdeutschen Grenze unter dem ekelhaften Decknamen „Ungeziefer“. Mehr als 8.000 DDR-Bürger, die der Errichtung der Grenzsperranlagen im Wege standen und als „politisch unzuverlässig“ galten, wurden innerhalb von 18 Tagen aus ihren Häusern vertrieben und ins Hinterland gebracht. Die Kriterien der „politischen Unzuverlässigkeit“ waren dabei aber so allgemein gehalten, dass sie praktisch auf jeden Bürger zutrafen und einzig die Disziplinierung und Einschüchterung der Menschen zum Zweck hatten.

Diese Maßnahme nahmen hunderte Menschen zum Anlass, im letzten Moment aus ihrer Heimat zu fliehen. Die Zwangsevakuierungen ließen bei vielen Menschen Erinnerungen an das Flüchtlingselend während des Krieges und gewaltsame Vertreibung hochkommen. Die Selbstmordrate stieg, Bürgermeister wurden abgelöst und durch Kommissare ersetzt.

Die zweite große Zwangsaussiedlungswelle mit dem Namen „Aktion Festigung“ fand 9 Jahre später innerhalb nur eines Tages am 03.Oktober 1961 statt. Im Rahmen dieser beiden Aktionen wurden insgesamt 12.000 Menschen vertrieben und ihre Häusern und Höfe, in denen nicht selten ganze Generationen gelebt haben, Ortschaften und Straßenzüge dem Erdboden gleichgemacht oder als Überwachungs- und Kontrolleinrichtungen zweckentfremdet.

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„Erinnern als Aufgabe“

Man kann die Entwicklung in Mödlareuth similar zur Grenzsicherungsgeschichte der gesamten DDR betrachten. Gerade deshalb ist dieser Besuch für mich so wichtig und aufschlussreich gewesen. Das Dorf hat sich mit seinem Deutsch-Deutschen Museum die Aufklärung und Gesamtdarstellung der deutschen Teilungsgeschichte zur Aufgabe gemacht. Ein trauriges, jedoch gelungenes Projekt und ein sehr bewegendes Erlebnis auf meinem Weg.

Ein Gedanke zu “Himmelfahrt in eine höllische Geschichte

  1. Liebe Uta, heute grüße ich Dich wieder mal aus Vacha, wo Du nicht vergessen bist, wie Du weißt. Ich danke Dir für alles, was Du schreibst und hoffe, dass es viele Leute lesen! Du hast sehr schöne Fotos von Vacha gemacht und ich danke Dir besonders für Deine einfühlsame Musikauswahl. Das Lied „Unsere Heimat“ hat meine Generation die ganze Kindheit lang gesungen und wenn man das Lied vom „Einfachen Frieden“ hört, kann man ziemlich traurig werden, wenn man an unsere Welt denkt, wie sie sich heute darstellt… Weiterhin alles Gute auf Deinem Weg! Nächste Woche, am denkwürdigen 17. Juni, wenn wir am ersten Jahrestag der Renovierung unseres Grenzturms mit vielen Menschen sprechen werden, werden wir auch von Dir erzählen… Denn Du bist eine besonders mutige junge Frau.
    Herzlichst!
    Petra

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