Grenzerfahrungen der anderen Art

Einen weiteren Tagesmarsch und ich lasse die letzten Ausläufer des Harzes hinter mir. Schluck! Wieder ein Abschied. Von nun an nur noch Flachland. Es folgt das ebenfalls wunderschöne Hornburg, das die westlichste Begrenzung der fruchtbaren Magdeburger Börde darstellt, endlose Getreide-, Raps-, und Maisfelder, Tagebaulöcher, Auen und zahlreicher Windparks und Hötensleben mit seinen außergewöhnlich gut erhaltenen Grenzanlagen. Aufgrund seiner unmittelbaren Nähe zur Grenzlinie errichtete man hier 1975 eine ZWEITE Betonmauer, was es so auf dem gesamten Grenzverlauf kein zweites Mal mehr gibt. Der Ort wurde also nicht nur zweifach, sondern sogar dreifach vom Westen abgeschottet. Hier bekomme ich einmal wieder die Möglichkeit zur Übernachtung in einer ehemaligen Grenzkaserne, die sich mittlerweile zu einer charmanten Pension mit liebenswerten Herbergseltern und dem Flair vergangener Zeiten gemausert hat. Die Feldküche an den Grenzanlagen bietet mir dabei an zwei Tagen mit Erbsensuppe und Soljanka eine willkommene Nahrungsquelle. Es folgt Marienborn, der größte und bedeutenste Grenzübergang an der innerdeutschen Grenze. Aufgrund seiner Nähe zu Westberlin wickelte man hier fast den kompletten Transitverkehr zwischen Ost und West ab, zudem diente er dem Reiseverkehr in die Ostblockstaaten. Bei Weferlingen in Höhe Helmstedt geht der Weg nun entgültig ins Norddeutsche Tiefland über. Hier nächtige ich erwähnenswerterweise bei einem neu hinzugewonnenen Familienmitglied. Die Tochter meiner Halbschwester, bei der ich 33 Jahre lang nie in Verlegenheit kam sie kennenzulernen. Ein Besuch, der mir unheimlich Kraft gibt und den ich fest in meinem Herzen trage. Es lebe die Wiedervereinigung! In doppeltem Sinne.
Eins fällt auf: Ich bewege mich erfreulicherweise auf fruchtbarem Boden, doch ein großer Teil des Grünes Bandes ist leider in diesem Gebiet durch intensive Landbewirtschaftung unterbrochen und kann dadurch nicht unter Naturschutz gestellt werden. Man bemerkt sofort die fehlende Artenvielfalt. Mittlerweile ist der Raps verblüht und trägt Schoten, die Getreidefelder färben sich gelb, die ersten Kirschen hängen schwachrot an den Bäumen und die Wiesen und Felder sind überzogen von Mohn- und Kornblumen. Die für den Harz so typischen mit Holz verkleideten bunten Häuser mit den reich geschmückten Giebeln lasse ich hinter mir und begebe mich allmählig in das Reich der roten Backsteinhäuser. Zu meiner Freude komme ich jetzt immer öfter in den Genuss von Walderdbeeren und mein zügelloser Appetit weicht dem Bedürfnis nach leichter Kost. 10km am Stück zu laufen stellt kein Problem mehr dar und das Gewicht meines Rucksackes ist nicht mehr so stark wahrnehmbar wie noch vor wenigen Wochen. Kinder wie die Zeit vergeht! Im kalten Frühling begonn ich meine Reise und nun ist es bereits Sommer. Der Wandel folgt mir auf Schritt und Tritt.

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In Oebisfelde bin ich den Tränen nahe, denn die einzige noch freie Pension vermietet ihre Zimmer für einen Preis, den ich nicht fähig und gewillt zu zahlen bin. Ich spreche Passanten an und hoffe auf Insiderinformationen. Und da, tatsächlich, eine ältere Dame weist mich auf die Jugendwohnung der jungen Gemeinde an der Nicolaikirche hin. Der Verantwortliche ist nach kleiner Recherche schnell ausfindig gemacht und stellt mir bereitwillig die Räume auf Spendenbasis zur Verfügung. Welch ein Segen! Ich bekomme den Schlüssel zur Kirche und schaue mich an diesem unsagbar heißen Tag in dem wohltuend kühlen Gotteshaus um. Heute fühle mich mich trotz meiner Mittellosigkeit sehr priviligiert. Oebisfelde hat zwei Kirchen, wobei, aufgrund rückläufiger Gemeindemitglieder, nur eine davon genutzt wird. Die schöne Nicolaikirche ist das Stiefkind, sie bleibt leer und somit gehen auch die notwendigen Spenden an ihr vorüber. Dabei würde sie so gerne ihren Zweck erfüllen…

Bereits eine Etappe zuvor, in Weferlingen, begegnet mir eine erschlagende Hilfbereitschaft. Weit und breit kein Internet, dabei müsste ich den nächsten Beitrag so dringend veröffentlichen. Kurzerhand bietet mir im Gasthaus „Zur Sonne“ ein Mann aus der Nachbarschaft sein WLAN an. Er läd mich für den nächsten Tag in seine Wohnung ein, damit ich eine Stunde ungestört an meinem Blog arbeiten kann. Ich bekomme eine Führung durch die Räume seiner ehemaligen Fleischerei und zum Abschied sogar noch eine hausschlachtene Hirschsalami mit auf den Weg. (Womit wir wieder beim Thema Discounter sind. Die Großen fressen die Kleinen. Traurig ist das und begegnet mir immer wieder.) Es sind die kleinen Lichtblicke, die mir trotz der Anstrengungen, die mich dieser Weg kostet immer wieder Auftrieb verleihen. Diese kleinen Gesten, die nicht viel kosten, vielleicht ein wenig Vertrauen und Mitmenschlichkeit, die mir aber, in meiner Situation, die Welt bedeuten. Das ist Glück!
Glück ist auch folgendes Erlebnis, vielleicht sogar mehr als das. Gibt es Zufälle? Ich möchte es fast Schicksal nennen. Am späten Nachmittag verlasse ich Oebisfelde, leider viel zu spät, doch wieder einmal hatte mich die Blog-Arbeit fest im Griff. 22km Fußmarsch nach Zicherie, dann müßte ich gegen 21-22Uhr dort angekommen sein. Gerade noch rechtzeitig, um in der Dämmerung irgendwo mein Zelt aufzuschlagen. Doch am Himmel ziehen dunkle Wolken auf. Ein Hitzegewitter denke ich unbesorgt, was in der Regel so schnell geht, wie es gekommen ist. Nach 8km kreuze ich in einer kleinen Siedlung eine Straße, nun geht es in den Drömling, Norddeutschlands größtes Feucht- und Niedermoorgebiet, dass sich zwischen Haldensleben, Gardelegen und Wolfsburg erstreckt. Ab hier kilometerweit keine Zivilisation mehr. Noch einmal blicke ich gen Himmel und bemerke, dass sich eine schwarze Front in hoher Geschwindigkeit auf mich zubewegt. In ihr eine eigenartige Wolkenformation, die ich fasziniert ein paar Minuten beobachte. Nun hat mich die schwarze Wolkenwand fast erreicht. Ich bekomme trotz meines Zeitdrucks Zweifel, ob es sich tatsächlich nur um ein harmloses Hitzegewitter handelt und ich den Weg in das Naturschutzgebiet wagen soll. Irgendetwas stimmt nicht. Wie ferngesteuert halte ich meinen Daumen raus und gleich das erste Auto hält an, um mich mit zurück nach Oebisfelde zu nehmen. Eine junge Handballspielerin namens Yvonne. Ich werfe meinen Rucksack auf den Hintersitz, steige ein und schließe die Tür, da bricht ein Unwetter herein, dass ich bisher noch nicht erlebt habe! Orkanböhen, Blitze, Donner und Wassermengen erschütten sich auf der Straße, es entbehrt jeder Beschreibung. Bäume brechen nacheinander wie Streichhölzer ab, werden ausgewurzelt, Äste fliegen durch die Luft. Von den Dächern lösen sich Dachziegel, Mülltonnen und Zweiräder kippen um und Gegenstände fliegen durch die Luft. Yvonne hat trotz Schritttempo Mühe, das Lenkrad zu halten. Sie läuft ständig Gefahr, dass ein Baum auf ihr Auto fallen könnte. Am Straßenrand stehen lauter LKW’s, die aus Angst zu kippen, angehalten haben. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichen wir Oebisfelde und sie fährt mich direkt vor die Tür der Familie Schrader, die mir wie selbstverständlich erneut den Schlüssel für das Gemeindehaus gibt. Eine weitere Nacht darf ich nun hier verbringen. Yvonne, mein Engel des Tages! Am nächsten Morgen wage ich abermals den Weg in das Sumpfgebiet und da wird mir das Ausmaß dieses Unwetters erst einmal bewußt. Der Weg ist praktisch unpassierbar, überall liegen aus dem Erdreich gerissene Bäume und Äste. Ein einziges Hindernisparcour. Ich klettere, krieche, falle und schiebe mich durch das dichte Geäst und die Stämme. Kann nicht ausweichen, weil sich links und rechts von mir Sumpflandschaft befindet. Die 16kg auf meinem Rücken, meine mangelnde Bewegungsfreiheit und das hohe Lichtraumprofil meines Rucksacks setzen mir schwer zu. Für einen Kilometer benötige ich eine Stunde und gehe an meine körperlichen Grenzen. Nicht auszumalen, was gestern passiert wäre, wenn ich nur eine halbe Stunde früher aufgebrochen wäre. Das hätte lebensgefährlich werden können.

Der Tag danach und mein Weg durch den Drömling

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