Die neue Teilung Deutschlands: Der Bratwurst-Äquator

Wer wie ich durch die entschleunigste aller Fortbewegungsarten auf’s Intensivste mit Mensch und Kultur in Berührung kommt, wird ihn spüren, vor allem aber zu Gesicht und Munde bekommen: den Bratwurstäquator. Wobei es das Wort „Äquator“ nicht richtig trifft, es handelt sich mehr um ein Bratwurst-Herrschaftsgebiet, dass Franken, Thüringen (ganz klar!) und Sachsen umfasst. Und ich laufe mitten durch ihn hindurch. Es ist erstaulich, wie oft ich mit dieser in Darm gepressten Fleischmasse in Berührung komme und wie sehr diese Wurst und ihre Zubereitung hier Teil der Kultur sind. Wenn sie nix haben, aber Bratwürste [Broadwirschdle/Brodwurschd/Brahdwuaschd/Rossder] gehen ihnen niemals aus! Bemerkenswert ist, innerhalb dieser Zone gibt es große territoriale Unterschiede, was die Größe und den Geschmack angeht. Im Coburger Land mag man sie klein und würzig, in Thüringen dagegen müssen sie mindestens 15cm lang sein. Manche verfeinern sie mit Kümmel, andere löschen sie beim Grillen oder „Rostern“ obligatorisch mit Bier ab. Hier vereint eine Lebensart die Vielfalt jahrzehntelang geteilter Regionen. Die Wurst als Bindeglied zwischen Ost und West. Und das ist das Gute daran.

Auf meinem Weg von Probstzella ins Coburger Land stoße ich auf die „Thüringer Warte“, ein knapp 27m hoher Aussichtsturm, der stolz und trutzig auf dem 678m hohem, fränkischem Ratzeberg thront. Nur 200m von der Grenze zur DDR entfernt. 1962 wurde sein Baubeginn mit den Worten des Landrat Dr. Emmert eingeleitet: „Dieser Turm möge Zeugnis ablegen von unserer Liebe zur Heimat und von unserem festen Willen zur Wiedervereinigung.“ Von den Thüringern traurig der „Leuchtturm der Sehnsüchte“ genannt, von den Menschen im Westen als „Schaufenster ins Grüne Herz Deutschlands“, war er nicht nur ein Aussichtsturm, sondern eine symbolische Brücke zu den Landsleuten in der DDR. Der Wunsch zu seiner Einweihung 1963 „Möge die Thüringer Warte ihrer Aufgabe gerecht werden, Mittler zu sein, weithin schauend, hinweg über sinnlose Zeugen angemaßter Macht, Zeichen dafür, dass es nur ein Deutschland gibt.“, ging 1989 in Erfüllung. Nun ist er ein Symbol der Einheit, der Freiheit und des Friedens.

Ein paar Kilometer später, im 150-Seelen-Gemeinde Lichtenhain, suche ich am späten Nachmittag den Gasthof „Grüner Baum“ auf, um mich zu stärken. Da es schon spät ist und noch 10km Weg vor mir liegen, zögere ich nicht lange, als mir der junge Gastwirt Marcel und seine Freundin Franziska spontan zu einem „pilgerfreundlichen“ Preis ihr Gästezimmer anbieten. Ich habe etwas Bammel mein Zelt aufzubauen und das war der Plan für heute. Die Nacht an der Selbitz in Blankenstein habe ich noch in  eiskalter Erinnerung und da es so nass war, musste ich Über-und Unterzelt in einer aufwendigen Prozedur voneinander trennen, um es zu trocknen. Es fällt mir also nicht sonderlich schwer, das Zelt-Projekt noch ein wenig aufzuschieben. Den Abend verbringe ich in geselliger Runde am Stammtisch mit Ortsansässigen und jeder Menge interessanter Gespräche. Ich bin überrascht, dass ich anfangs zwar zögerlich und neugierig beäugt, doch so schnell in diese Gruppe intergriert werde und an diesem Abend einen kleinen Einblick in ihr Leben bekomme. Genau dafür mag ich die Menschen hier. Sie sind rau und doch herzlich und hilfsbereit. Sie machen einem nichts vor und tragen ihr Herz auf der Zunge.2016-05-14 21.14.09

Ich befinde mich nun in Tettau, eine Kleinstadt in einer vom Wintersport geprägten Region und durchwandere im gleichnamigen -Achtung!-  [Dohl d’r Deddau] den Frankenwald. Ich durchquere artenreiche Naturschutzräume, endlose menschenleere Wälder, kleine verschlafene Weiler, die 1-2 Mal pro Woche von mobilen Bäckereien angefahren und mit Lebensmitteln versorgt werden und Dörfchen, die so klein sind, dass ihre Verwaltung durch einen „ehrenamtlichen Bürgermeister“ geregelt ist. (Was meiner Erfahrung nach immer richtig coole Typen sind(siehe rechts im Bild).)

 

Hier ein paar Impressionen vom Weg:

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Wenige Kilometer hinter Tettau meldet sich Katrin, der rheinische Sonnenschein, und eröffnet mir, sie hätte heute Geburtstag, ob wir nicht abends ein Bier miteinander trinken können. Tolle Idee! Das Problem ist nur: seit Probstzella ist sie immer einen Tag im Vorraus, sprich 20km vor mir. Mhmmmm…..Wir einigen uns auf Fürth im Wald, ihr nächstes Etappenziel und bei der „Fülle“ an Unterkunftsmöglichkeiten auch die einzige Möglichkeit, um sie nicht vollends in ihrem Laufplan zurückzuwerfen. Heißt jedoch für mich: 20km mehr zu meiner ohnehin schon 20km langen Tagesetappe. Schauen wir mal. Zur Not trampen. Gegen 18Uhr erreiche ich Neuhaus-Schierschnitz und gehe nach langem Überlegen grob in Richtung Fürth, vielleicht habe ich ja Glück und mich nimmt jemand mit. Doch nach wenigen Kilometern meldet sich Katrin, um mir zu sagen, dass es keine Übernachtungsmöglichkeiten gäbe. Schnell einigen wir uns auf die nächstgrößere Ortschaft. Da sollte es noch was geben. Also, Gefühle wechseln und eine andere Richtung einschlagen. ‚Mensch, Mädel, für dich tue ich heute alles! Wenn ich schon mit leeren Händen komme, soll dich doch heute Abend wenigstens meine Gesellschaft erfreuen.‘ Daumen raus. Ist dieses Zeichen eigentlich noch zeitgemäß oder schon ein wenig abgedroschen? Mehrere Autos fahren beschämt meinen Bick meidend oder mit entschuldigenden Handzeichen an mir vorbei. Vielleicht sollte ich mich einfach aufgeregt winkend auf die Straße stellen oder mit die flachen Hand eine Art Haltanweisung signalisieren. Dann denken die vielleicht, es sei sei wichtig… Doch bevor ich dazu komme: Ein junger Malergeselle auf dem Weg in den Feierabend fährt in lässiger Pose an mir vorbei, ein Arm am Lenkrad, den Sitz weit nach hinten gestellt. Nach wenigen Minuten kehrt er um. Jetzt hätte er sich das doch nochmal überlegt, wo ich denn hinwolle. STRIKE! Es hat geklappt! Das erste Mal trampen. Wenige Zeit später trudelt auch Katrin ein und wir bekommen ein  Zimmer für 33€ im Hotel „Wasserschloss“. Die Wiedersehensfreude ist groß, der Abend endet bei gutem Essen und bestem fränkischem Bier in der angeschlossenen Wirtschaft. Wir haben uns viel zu erzählen und ich bemerke, dass wir in vielen Dingen ähnliche Ansichten haben. Ihre Gegenwart tut einfach gut!2016-05-13 21.48.40

Ab nun laufen wir also vorerst die gleichen Etappen, mal kichernd wie Schulmädchen, mal ernsthaft, mal schweigend und mal voneinander getrennt. Wir werden uns wohl in nächster Zeit noch ein wenig besser kennenlernen und ich versuche,die Mischung aus Nähe und Distanz zu finden, in der ich mich wohlfühle.

 

5 Gedanken zu “Die neue Teilung Deutschlands: Der Bratwurst-Äquator

  1. Und warum sind die Nürnberger Würste so klein? Damit sie nach der Sperrstunde noch durch das Türschloß (war früher größer) gereicht und verkauft werden konnten.

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    1. Bist so lieb, vielen Dank! Vermisse dich auch. Die Eindrücke sind wirklich unbezahlbar, das stimmt. Wobei ich mich manchmal frage, ob wir solche Eindrücke nicht auch im Alltag sammeln können, wenn wir uns nur ein offenes Herz bewahren. Es gibt soviel zu entdecken. Auch vor der eigenen Haustür!

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