Eisheilige in Eisfeld

-Sinnkrise-

Das Grüne Band bzw.die ehemalige innerdeutsche Grenze verläuft similar an der westlichen Landesgrenze von Sachsens, Thüringens, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Mir war klar, dass ich auf diese Art und Weise nicht dem direkten Wege zur Ostsee folge. Dass sich der Weg jedoch in ständigen Schleifen und Zickzack-Linien durch die Republik zieht, dass war mir so nicht bewußt. Mir war auch nicht bewußt, welche mentale Herausforderung das für mich darstellt. Ich bin normalerweise gewohnt, mich auf direktem Wege auf ein Ziel zuzubewegen. Wozu Umwege machen, wenn es doch kürzer, schneller, geradliniger geht? Über Himmelfahrt und das Pfingswochenende kam dann noch eine Schwierigkeit hinzu: die wenigen Unterkünfte, die sich in den Orten befanden, die direkt am Kolonnenweg liegen, waren in der Regel ausgebucht und man mußte die Suche auf die umliegenden, teilweise mehrere Kilometer entfernten Ortschaften erweitern. Doch auch hier gestaltete sich die Herbergssuche als sehr mühsam. Mangelnder Handyempfang und fehlende Internetverfügbarkeit kamen erschwerend hinzu, oftmals war und ist man auf das Wissen der Einwohner angewiesen, ob und wo sich in den nächsten Ortschaften Gasthöfe oder Pensionen befinden. Das heißt aber auch erstmal: dem Zielort nähern, in der Ungewissheit, ob man eine Bleibe findet. Ich hatte mir ein Tagesbudget von 30€ gegeben. Für Kost, Logie und Spesen. Das ist sportlich, aber machbar, wenn man jede zweite Nacht im Zelt schläft und sich zum größten Teil selbstversorgt. Schwierigkeit 3: Ich habe nicht bedacht, dass die Nächte im Mai, gerade aber über die Eisheiligen, zu kalt sind, um draußen zu nächtigen. Alles unter 10 Grad ist unkomfortabel und lässt einen nicht schlafen. Regeneration, die man aber unbedingt benötigt. Schwierigkeit 4: Feiertage und Wochenenden brechen mir das Genick, weil ich Lebensmittel nicht auf Vorrat kaufen kann. Zum Einen mangels Kühlung, zu Anderen, weil frische Nahrungsmittel, wie Obst, Gemüse, Brot, Wurst, Käse durch ihren hohen Wassergehalt schwer sind und den ohnehin schon 14kg schweren Rucksack noch schwerer machen. Im Idealfall findet man am Etappenziel einen Lebensmittelladen, zumindest aber eine Bäckerei. Nicht jedoch entlang der Grenze. Die Einsamkeit, die ich suchte, wird mir nun zum Fluch. Der Weg führt mich halbkreisförmig auf ein Ziel, dass ich auf direkten Wege in der Hälfte der Zeit erreicht hätte. Die Versuchung liegt nahe abzukürzen, weil es fast immer Abkürzungen gibt. Nicht selten verbringe ich eine Stunde damit, vor Aufbruch irgendwo eine Bleibe klarzumachen. Tag für Tag dasselbe ermüdende Prozedere. Wo schlafe ich heute Nacht, wo bekomme ich etwas zu Essen her, wenn ich nicht ständig in einen Gasthof einkehren möchte und wann habe ich Gelegenheit, meinen Blog einzupflegen? Und ganz nebenbei muss ich dann auch noch 8-10h Laufzeit integrieren. Wofür diese ganzen Strapazen? Ich bin so genervt, dass ich abbrechen möchte.

Die ganzen anfänglichen „Zimperlein“ nicht mitgerechnet. Die Druckstellen auf Schlüsselbein, Schultern und Lende durch den schweren Rucksack, wundgelaufene Füße, müde Beine, durch monotone Bewegungen in Verbindung mit Schwitzen bilden sich wundgeriebene Stellen an Armen und Beinen. Jeden Tag ein anderes Wehwehchen. Manchmal flammt wieder der Rückenschmerz auf, ein anderes Mal bin ich erkältet (eine ständige Gefahr, denn während des Pausierens kühlt man schnell aus, ohne es zu merken).

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30° Steigung, Schwierigkeitsstufe: 3 von 3
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Nicht überall ist der Kolonnenweg problemlos begehbar
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Die Eisheiligen bringen kaltes, regnerisches Wetter
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Planlos in Sonneberg

-Umdenken-

Katrins Worte bringen mich zum Nachdenken: „Du wolltest doch den Grenzweg laufen!?“ Wollte ich das?

Tatsächlich. Ich wollte das. Ich habe mich für das Grüne Band entschieden, ohne mich vollkommen darauf einlassen zu wollen. Ich wußte, dass es abenteuerlich wird, akzeptiere aber keine Widrigkeiten. Ich scheine an den ersten negativen Erfahrungen zu scheitern, ohne zu versuchen den eigensinnigen, wilden Charakter des Weges anzunehmen. Dieser Weg ist eine Herausforderung. Das Wort „durchschlagen“ trifft es in diesem Sinne ganz gut.

Ich habe einen neuen „Finanzplan“ aufgestellt, der mich nicht nicht mehr ganz so sehr unter Druck setzt. Eine kleine Korrektur nach oben mit großer psychologischer Wirkung. Ich habe die Feiertage überstanden. Und die Temperaturen steigen auch langsam wieder. Der Rucksack wird ab Woche drei von Tag zu Tag leichter, bis sein Gewicht irgendwann kaum mehr wahrnehmbar ist. Der Körper stellt sich langsam auf die tägliche Belastung ein, Muskelbildung setzt ein und entlastet das Knochengerüst. Und den ständigen Umwegen darf man wahrscheinlich gar nicht eine so große Aufmerksamkeit schenken, die läuft man einfach. Ich stelle mir vor, der Weg sei ein störrischer, aber liebenswerter, alter Mann, zu dem man eine nicht einfache, aber beständige Beziehung aufbaut. So geht das irgendwie.

Katrin hat mich gelehrt zu trampen. Die ist für mich hier einzig mögliche Fortbewegungsart außerhalb des Kolonnenweges. Ich kann, wenn ich will, überall hinkommen. Das eröffnet mir eine völlig neue Freiheit. Die Menschen hier sind so hilfbereit, das kann man sich gar nicht vorstellen, wenn man es nicht erlebt hat. Und damit spreche ich nicht nur auf das Trampen an.

Und was lief sonst noch?

Da bin ich doch tatsächlich an einer „Bratwursteiche“ vorbeigekommen! Die spinnen, die Thüringer!, hab ich gedacht, als ich Wegweiser im Wald wahrnahm.  Die sind so Bratwurst-geflasht, dass sie sogar schon in die Form der Bäume Bratwürste hineininterpretieren. Doch dann wurde ich eines besseren belehrt: Bei der Bratwursteiche handelte es sich um vermoderte Holzreste einer etwa 100-jährigen Eiche, unter der man sich früher nach der Jagt bei Schnaps, Bratwurst und gutem Bier traf. In Franken und Thüringen ist das ein gebräuchliches Wort und bezeichnet einen Grillplatz unter einem Baum.

In der Nähe von Alsleben sind Katrin und ich heute auf die Quelle der Saale gestoßen, die uns viele, viele Kilometer lang begleitet hat. Wir haben den südlichsten Punkt Thüringens erreicht und mein Weg führt mich nun nordwestlich in Richtung Rhön. Die Landschaft hier ist vulkanischen Ursprungs und zeigt sich in ganz anderer Gestalt. Das Auge gleitet über endlose, leichthügelige Freiflächen mit blühenden Schlehen- und Apfelbäumen, goldgelber Rapsfelder und Kräuterwiesen und hier und da ragen surreal wirkende Vulkankegel empor. Die Wälder sind nun voller Maiglöckchen, wobei diese nun nicht mehr, im Vergleich zum Thüringer Wald, das Bild bestimmen.

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Tag 15, ein Viertel der Strecke und 320km liegen hinter uns. Hier ist nun Katrins Weg zu Ende, sie verlässt das Grüne Band und verbringt noch ein paar Urlaubstage in Prag. Es wird eine Umstellung, den Weg ohne sie fortzusetzen. Wir sind zwar nicht oft miteinander gelaufen, aber es war ein gutes Gefühl, sie in meiner Nähe zu wissen. Die wenigen Stunden, die wir miteinander verbracht haben, waren schön. Wir haben viel gelacht. Ich habe mich ein wenig an sie gewöhnt. An ihr Gepfeife und Gebrabbel, das sie immer von sich gab, wenn sie in den späten Abendstunden im Nachbarzimmer eingetrudelte, weil sie sich wieder zig-Mal verlaufen hat. An ihre aufgeweckte, lebendige, planlose Art. Daran, dass sie mit einem Adjektiv und dem Wort „Nummer“ alle möglichen Siuationen und Menschen betiteln konnte und dass sie wie ferngesteuert so ziemlich jede Bäckerei anpeilte, die auf ihrem Weg lag. Daran, dass sie Rapsfelder und Flieder liebte und sie leidlich wurde, wenn sie nachmittags keinen Kaffee mit Kuchen bekam. Ich denke, diese Begegnung wird noch ein bißchen in mir nacharbeiten, denn in vielerlei Hinsicht hat sie unbewußt meine Sichtweise verändert.

Noch eine kleine Annekdote zum Schluss: Aus meinem Wanderführer ist in Höhe Poppenhausen, fast am südlichsten Punkt Thüringens vom „Dreiländerstein“ die Rede. Ich versuche in Erfahrung zu bringen, ob es sich dabei um die Grenze Hessen/Bayern/Thüringen handelt, bekomme jedoch immer nur zur Antwort, dass sich diese noch weiter nördlich befände. Was ist das denn jetzt für ein Stein? Als ich eine ältere Dame darauf anspreche, sagt sie bestätigend: „Dreiländerstein, jaja, da grenzen drei Länder aneinander!“ Große Sache, denke ich und frage neugierig „Aha, welche denn?“ und sie so „Na, Oberfranken, Unterfranken und Thüringen.“

Hä?! Also, wer hat das jetzt eigentlich nicht so genau verstanden?

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Ein alter Zeitungsartikel beschreibt den Fluchtversuch eines 45-jährigen Mannes bei Steinbach, der von sowjetischen Grenzsoldaten erschossen wurde, nachdem er sich bereits hinter der Zonengrenze befand. Seine Blutspur zeigte jedoch, dass er sich nach dem tödlichen Schuss noch einmal in Richtung DDR-Grenze bewegte.

8 Gedanken zu “Eisheilige in Eisfeld

  1. Hallo uta. Wir haben uns heute in vacha getroffen. Danke für diese begegnung. Wunsche noch weitere gute gespraeche am gruenen band.alles gute von petra am grenzturm – die aeltere….

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  2. Ich fande es auch sehr schön danke für das Interesse und das Feedback viel Kraft noch für deinen langen Weg. Lg Michel
    vom Turm in Vacha. Werden es mit Neugier verfolgen.

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    1. Cool, 2/3 der Grenzturmgemeinschaft hat mir schon geschrieben! Welch Ehre! „Frösi“, wie geil…
      Puh, ja, der lange Weg… Da war ja was, stimmt. Also dran denken darf ich nicht. Ich praktiziere wohl eher die Politik der kleinen Schritte. Also, jetzt laufe ich erstmal nach Dankmarshausen und dann schau‘ mer mal!

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  3. Hier ist das letzte Drittel vom Grenzturm Vacha. Schade, dass das Wetter heute auf deinem weiteren Weg nicht so schön ist. Auf jeden Fall wünsche ich dir eine interessante und aufschlussreiche Reise.
    Die Crew vom Grenzturm wird sich gerne an dich erinnern und deine Reise weiter verfolgen. Foto gerne an kathleen.dorsch@vacha.de

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    1. Jetzt bin ich aber platt! Da meldet ihr euch doch tatsächlich alle! Haha :-D, ihr seid unglaublich!! Danke, jetzt hab ich auch eure Namen. Die ha ich nämlich gar nicht erfragt. Ihr drei…nee…

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