Abschied ist immer ein wenig wie sterben

In Eichenberg erreiche das Drei-Länder-Eck Thüringen/Hessen/Niedersachsen und begebe mich, wie bereits erwähnt, nach einem „Zwangsaufenthalt“ in Heilbad Heiligenstadt nach Dudel…Duderstadt, einer der schönsten Orte meiner bisherigen Reise, da er unsagbar reich an Schmuckfachwerkhäusern ist und eine wunderschöne Altstadt vorzuweisen hat. Es ist immer wieder erstaunlich, wieviel Mühen man sich trotz viel schwierigerer Voraussetzungen vor vielen hundert Jahren bei dem Bau von Häusern machte, wie hochwertig diese Arbeit verrichtet wurde und wieviel Liebe zum Detail man dabei entdeckt.

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Weiter geht’s zum eindrucksvollen Grenzlandmuseum Eichsfeld. Dieses liegt am ehemaligen Grenzübergang Duderstadt-Worbis und stellte eine von nur vier für den Personenverkehr ausgelegten Grenzübergangsstellen in der gesamten DDR dar. Im ehemaligen Zollverwaltungsgebäude befindet sich heute eine sehr anschaulich gestaltete Dauerausstellung, im Untergeschoss können ehemalige Arrestzellen und ein nachgestellter Konsum mit den für DDR-Zeiten typischen Waren des täglichen Bedarfs besichtigt werden. Die Außenanlagen umfassen eine Passkontroll- und Zollabfertigungsstelle, sowie original erhaltene Grenzsperranlagen, Fuhrpark und eine Bildungsstätte. Und, nicht zu vergessen, einen Grenzlandimbiss (Die verkaufen auch Döner, das finde ich allerdings ein bisschen unpassend.). Nach der Grenzöffnung am 09.11.1989 bildete sich hier eine sage und schreibe 50km lange Autoschlange (Der scheint also gut zu sein.)! Wenn man so lange Zeit wie ich entlang der Grenzlinie unterwegs ist, kommt man natürlich an dem ein oder anderen Grenzmuseum vorbei und ehrlich gesagt, wiederholt sich vieles irgendwann und es kommen kaum mehr neue Informationen hinzu. Den Grenzaufbau, zum Beispiel, habe ich nun zur Genüge kennengelernt. Was mir jedoch am Grenzlandmuseum Eichsfeld besonders gefallen hat, ist seine Allumfassendheit in leichter, verständlicher Art und Weise. Nicht nur die innerdeutsche Grenze wird hier thematisiert, sondern auch das Leben in der DDR im Allgemeinen und aus Sicht des Westens. Auch mit Pass- und Zollabfertigung habe ich mich bis dato noch nicht beschäftigt. Was mir jedoch ganz besonders gefallen hat, ist die Sensibisierung auf das Thema “Grenze” im globalen Sinne. Haben wir uns schonmal Gedanken gemacht, wo und warum es heutzutage eigentlich noch dermaßen stark gesicherte Grenzen wie damals zwischen der DDR und der BRD gibt? Reiche Länder möchten ihren Wohlstand sichern und grenzen sich hierfür von ärmeren ab. Sie wollen sich vor illegaler Einwanderung und Kriminalität schützen, was für mich zwangsläufig miteinander einhergeht, denn wenn einem Chancen verwehrt beiben, stellt für viele Menschen der Weg in die Illegalität die einzige Aussicht auf ein besseres Leben dar. Aber auch Länder mit unterschiedlichen politischen Systemen grenzen sich voneinander ab. Und gibt es nicht auch unsichtbare, jedoch nicht weniger feindseelige Grenzen zwischen unterschiedlichen Religionen? Mit 1300km stellt die Grenze zwischen den USA und Mexiko eine der längsten derzeitig noch existierenden Grenzanlagen dar. Sie steht für die Trennung zweier sehr unterschiedlich hoher Lebensstandarts, wurde aber seitens der USA auch zum Schutz vor Drogen- und Waffenschmuggel gebaut. Der sogenannte “Tortillavorhang”, an der seit 1994 mehr als 1000 Menschen ihr Leben lassen mussten. Die zweitlängste derartige Grenze ist mit fast 800km die zwischen Israel und dem Westjordanland. Offiziell wurde diese Grenze von Israel errichtet, um sich vor Terroranschlägen zu schützen. Obgleich der eigentliche Hintergrund massive Gebietsstreitigkeiten sind. Hier wurde die Grenze also offensichtlich gebaut, um Menschenleben zu retten, jedoch richtet sie einen erheblichen wirtschaftlichen Schaden an. Die dritte massiv gesicherte Grenzanlage teilt das kommunistische Nordkorea vom kapitalistischen Südkorea. Sie ist knapp 250km lang und kommt unserer ehemaligen Grenze in jeglicher Hinsicht sehr nah. Ähnlich wie am Schutzwall der DDR kamen hier bislang mehr als 1000 Menschen ums Leben. Ein Ende ist jedoch nicht in Sicht. Eine vierte befindet sich zwischen der spanischen Enklave Melilla in Nordafrika und Marokko. Sie ist 24km lang und trennt das reiche Europa vom Drittweltland Afrika. Alle diese Grenzen eint: Es wird ein immenser Sicherheitsaufwand betrieben, der Jahr für Jahr Milliarden kostet, sie verstoßen gegen Menschenrechte, verursachen den Tod von abertausenden Menschen und beseitigen das Problem nicht an der Wurzel, sondern versuchen nur die Auswirkungen einzugrenzen. Grenzen sind niemals die Lösung, sondern immer ein Zugeständnis an Machtlosigkeit und mangelnder Kompromissbereitschaft. Sie stellen die größmöglichste Steigerungsform der Uneinigkeit zweier Lager dar. Übertroffen werden sie nur noch vom Krieg. Ist es da nicht ein Wunder, dass WIR es geschafft haben, diese unsere 1393km lange deutsche und die über 12.500km lange europäische Grenze zu überwinden?
Nein, es ist kein Wunder. Es ist möglich. Steter Tropfen höhlt den Stein. Politisches Engagement statt Lethargie, Beharrlichkeit, Idealismus, gemeinsamer Wille zur Veränderung verbunden mit dem Wunsch nach Demokratie, freiheitliches, friedvolles und tolerantes Denken im Sinne der Gemeinschaft und friedliche Demonstrationen können dieses Wunder bewirken. Ein bißchen weniger Haben und mehr Sein, ein bisschen weniger Ich und mehr Wir. Dann können Menschen es schaffen Grenzen zu überwinden und Mauern einzureißen, auch die gedanklichen, die jeder von uns in seinem Kopfe trägt. Denn noch nie hat uns eine Grenze vorangebracht, sondern immer wertemäßig zurückgeworfen. Das ist die Herausforderung unserer Gesellschaft.

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Noch ein Gedanke, der mich seit geraumer Zeit beschäftigt: Mittlerweile bin ich mir gar nicht mehr sicher, ob ich nicht vielleicht doch bloß meiner Kindheit hinterhertrauere oder ob es wirklich auch nennenswerte positive Aspekte in der DDR gab. Ich kralle mich immer wieder an die Aussage “Es war doch nicht alles schlecht.” Und hoffe immer, dass die Erfahrungen auf meinem Weg diese These bekräftigen. Liegt es daran, dass ich mich die ganze Zeit in Grenznähe aufhalte und somit permanent mit dem häßlichsten Auswuchs dieses politischen Systems konfrontiert bin? Manchmal bekomme ich das Gefühl, ich wandele geschichtlich gesehen auf einem teuflischen Pfad, der es mir verbietet dem Land, in dem ich groß geworden bin, Positives abzugewinnen. Ich denke und hoffe, die Mauer ist nur eine Seite dieses Staates, sowie ein Mensch gute und schlechte Charaktereigenschaften besitzt und dass es in der Natur der Sache liegt, dass man in diesem Stück Land permanent mit der Perfidität des Regimes konfrontiert wird. War wirklich alles schlecht? Oder ist es nicht so, dass beispielweise unsere viel gepriesene FFK-Kultur die einzige Freiheit war, die sich der DDR-Bürger nehmen konnte und das einzige ihm noch verbliebene Refugium darstellte, in dem er sich überhaupt ausleben konnte? Dass der gelobte “ostdeutsche Zusammenhalt” nur pseudoreal war, weil man sich dennoch nie sicher sein konnte, an welcher Ecke tatsächlich ein Verräter, ein Mißgönner oder Stasispitzel lauscht? Dass viele unserer Tugenden ehrlicherweise eher aus einer Not heraus entstanden und dass um vieles erst im Nachhinein ein Kult gemacht wurde, weil wir dabei in Nostalgie über das Verlorene schwelgen? Gibt es einen Gegenpol, einen Ausgleich zu meinen Erlebnissen auf der Grenze? Ich bin dankbar über jedwede Stellungnahme dazu…
Nach diesem geschichtlichen und gedanklichen Ausschweifen geht es vom ehemaligen Grenzübergang Duderstadt-Worbis über einen morgendlich nassgrasigen, wildwüchsigen und niemals monotonen Weg in Richtung Südharz. Auch hier wird ein Teil des Grünes Bandes von einem Schäfer durch seine Schaf-und Ziegenherde offengehalten, was einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Artenvielfalt leistet, denn viele der am Grünen Band anzutreffenden Biotopformen, hier im speziellen das Offenland, sind in Deutschland nicht mehr häufig anzutreffen und beherbergen seltene Tier- und Pflanzenarten. Die Beweidung durch Schafe, Rinder oder Ziegen stellt die schonenste Form der Bewirtschaftung dar und zählt zur extensiven Landwirtschaft. Sie erhält die für viele Pflanzen und Tiere so wichtige Freifläche, ohne mit agressiven, technischen Mitteln einzugreifen und dadurch Lebensraum zu zerstören. Leider ist sie nur heute nicht mehr rentabel genug, weshalb die Schäferei ein immer seltener ausgeübter Beruf ist.

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Kurz hinter Bartolfelde gibt die vor mir liegende Ebene einen ersten Blick auf die massive Bergfront des Hochharzes frei. In mir jubelt es vor Euphorie und Vorfreude und gleichzeitig bekomme ich eine Ahnung davon, was in den nächsten Tagen auf mich zukommt. Aber ich tröste mich damit, dass dem Wanderer Bergfronten immer nur aus großer Distanz bedrohlich wirken und meiner bisher extremsten Trekkingerfahrung, dem Pyrenäenpass GR10 zum Atlantik. Wer das schafft, der schafft höchstwahrscheinlich auch den Harz. 😉 Doch vorher schöpfe ich noch einmal für eine Nacht an dessem Fusse Kraft und wandere durch die eigentümliche Landschaft des Südharzer Gipskarst, entlang von versickernden Bächen, geheimnissvollen Erdfällen und schneeweißen Dolomitwänden in den beschaulichen Ort Walkenried, der durch sein ehemaliges Zisterzienser-Kloster aus dem 12.Jahrhundert bekannt ist, das mittlerweile zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Ich peile hadernd einen Zeltplatz an, denn das Wetter ist im Moment sehr unbeständig, der Himmel voller dunkler Wolken und die Nächte unter 10Grad kalt. Der Platzbesitzer bietet mir jedoch an, mein Zelt in einem riesigen Festzelt aufzubauen, damit ich vor dem nachts einbrechenden Unwetter geschützt bin. Welch hervorragende Idee!
Die Tür steht offen, das Herz noch mehr, des Gastes Wunsch ist unser Ehr‘. (alter Zisterzienser-Willkommensgruß)
Mit Partybeleuchtung und „Glühbier“ (dank Campingkocher) verbringe ich den Abend trockenen Fusses auf einer Bierbank in dessem Inneren. Die Zelt-in-Zelt-Variante – ich glaube, hier eröffnet sich eine neue Marktlücke.
Am nächsten Tag steht die Überschreitung des Harzes bevor. Auf dem Weg nach Hohegeiß müssen die ersten steilen Randhöhen bewältigt werden. Doch ich bin vorsichtig erleichtert, denn dieser erste Aufstieg in Richtung Oberharzplateau ist durchaus machbar. Der Harzer Grenzweg umgeht die steilsten Abschnitte des Kolonnenweges über einen Alternativpfad. Denn die „Platte“ kennt ja keine Serpentinen, sie verläuft stier entlang des ehemaligen Grenzverlaufes, was zwar für die DDR-Grenzgeländefahrzeuge, jedoch für den Kolonnenwegpilger des 21.Jahrhunderts bei dementsprechendem Aufstieg durchaus eine Herausforderung darstellen kann. Eine Herausforderung sind jedoch mal wieder die Wetterkapriolen und die nassen Graswege. Ein Gewitter zieht auf, es blitzt und donnert bedrohlich und beginnt aus Gießkannen zu regnen. Vor mir springen Rehkühe über den einsamen Pfad. Meine Schuhe werden seit Tagen nicht mehr richtig trocken und das macht mich mittlerweile richtig wütend. Aber auf wen soll ich sauer sein, hier in dieser Einsamkeit? Und so laufe ich vor mich hinschimpfend und das Universum verfluchend weiter bis der Weg ein kleines Sträßchen schneidet und entscheide mich trotzig für Asphalt. Ein kleiner Segen sind die zwei riesigen Sommerbirkenpilze, die ich am Waldrand finde, denn bis auf Brot und Gemüsebrühe hätte die Campingküche heute nichts hergegeben. Und wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her…
Kurz vor Hohegeiß ist es dann soweit, der Tag X, der Moment, den ich so gerne verdrängt hätte: Ich erreiche das Drei-Länder-Eck Niedersachsen/Thüringen/Sachsen-Anhalt. Der Regen hält andächtig ein und durch die Baumwipfel drängt sich das gleisend hellrote Licht der Abenddämmerung. Die vor mir liegende unbefahrene Straße glänzt golden in der Sonne als bereite sie mir feierlich den Weg in eine neue Welt: Welcome to SACHSEN-ANHALT.                    
Nach fast 5 Wochen Laufzeit und 763km verlasse ich nun schweren Herzens mein liebgewonnenes Grüne-Klöße-Rostbrätel-und Leberwurst-Land, das außerordentlich gut gepflegte Grüne Band Thüringen und somit auch die unzähligen, schönen Erlebnisse und Begegnungen. Die Stimmung ist trotz dieser mich umgebenden magischen Atmosphäre gedrückt. Abschied nehmen bedeutet immer auch ein wenig sterben.
Was kommt DANACH? Wie soll es nur weitergehen? Hat mein Leben ohne Thüringen überhaupt noch einen Sinn? Ihr Lieben mit den grünen Herzen, lasst euch gesagt sein, ich habe euch in den letzten fünf Wochen so zu schätzen gelernt. Ihr ward immer gut zu mir, seid mir aufgeschlossen, neugierig, rau, ehrlich und doch herzlich begegnet. Habt mich zuhause fühlen lassen, obwohl ich Fremder war. Und ich mag euer Essen. Eure Wurst, eure Klöße, euer Brot, euer Kraut und eure Bratwurstkultur. Alles! Zugegeben, ich befand mich auch in einer Phase, in der ich für Lebensmittel aller Art sehr empfänglich war. Aber in dieser Phase habt ihr mir mit eurer hausmännischen, herzhaften Kost gute Dienste geleistet und mich stark gemacht für meinen weiteren, kräftezehrenden Weg: Die Brockenüberquerung!

9 Gedanken zu “Abschied ist immer ein wenig wie sterben

  1. Liebe Uta,

    danke für den tollen Bericht; jeder Bericht ist eine Steigerung zum Vorhergehenden. Wenn Du so weitermachst, musst Du noch zur schreibenden Zunft wechseln!

    Vor ein paar Jahren war ich mit meinen Kindern in Berlin. Die waren absolut fasziniert davon, dass ein Staat eine Mauer um sein Land baut, denn das kannten die natürlich nicht und konnten es sich bis dahin auch nicht vorstellen. Ich habe ihnen das so erklärt, dass der Staat das machen musste, sonst wäre er wahrscheinlich noch schneller den Bach runtergegangen, da ihm die Menschen davongelaufen wären. Deshalb war der antifaschistische Schutzwall wahrscheinlich eher ein Schutzwall vor der Entvölkerung eines ganzen Landstrichs als vor uns „Faschisten“ im Westen.

    Und dann hatte ich als ehemaliger Klassenfeind natürlich auch mein persönliches DDR-Erlebnis. Ich war bei der letzten 1. Mai-Demo in Ostberlin 1989 dabei. Das war für uns ein unglaubliches Erlebnis: wir hatten nicht den Eindruck, dass die wahrscheinlich zur Demo (hieß das so?) Abkommandierten richtig große Lust darauf hatten; es hatte für uns nicht den Anschein, als wären sie wirklich von der Sache überzeugt, für die sie da auf die Straße gehen (und in Ostberlin wurde wahrscheinlich die Creme de la creme des Proletariats aufgeboten – man mag sich gar nicht ausmalen, zu welchen Jubelstürmen die Demos im Rest der DDR geführt haben).

    Der Clou war aber der Sprecher, der die ganzen Gruppen über ein Mikro angekündigt hatte: das hörte sich für uns an, als hätte seine Familie sich hinter ihn stellen und klatschen müssen; sonst haben wir jedenfalls niemand jubeln sehen. Danach haben wir dann versucht, die 25 Ostmark in Bier und Bockwürste umzusetzen, was aber nicht funktioniert hat, da sonst keiner mehr zu einer Ausreise nach Westberlin fähig gewesen wäre und wir wahrscheinlich auch rein körperumfangsmäßig nicht mehr durch die Schleusen bei der Grenzkontrolle gepaßt hätten.

    Deshalb haben wir beschlossen, dass wir einen Ausflug ins Rathaus von Köpenick machen und dort im Ratskeller speisen, nachdem wir ein paar Jahre zuvor den Hauptmann von Köpenick gelesen haben. Eine Uniform haben wir uns nicht besorgt; unsere Westturnschuhe reichten vollkommen. Der Ratskeller war voll besetzt, nachdem das Personal aber mitbekommen hat – entweder an besagten Turnschuhen oder an unserem schwäbischen Dialekt, denn in Ostberlin gab´s damals sicherlich keine Schwabenschwemme -, dass wir aus dem Westen kommen, war da so was von schnell Platz für uns gemacht, dass wir gar nicht auf Drei zählen konnten. Spätestens da war auch uns Elftklässlern der Generation Golf klar, dass da ein Fehler im System versteckt sein muss.

    Der hat sich dann ein halbes Jahr später vollends gezeigt. Ich bin wie immer freitags aus dem Fußballtraining gekommen und sah meinen Vater komplett von den Socken am 9. November vor dem Fernseher sitzen, um nicht zu schreiben: er war den Tränen nah. Der war Geschichte- und Gemeinschaftskundelehrer, aber das, was an dem Abend passierte, hat nicht mal er erwartet und deshalb muss ich Dir schon widersprechen: es war schon ein Wunder, dass das auf friedlichem Weg geschah, vor allem, wenn man bedenkt, dass wir Deutschen zuvor nicht dafür bekannt waren, Profis in Sachen Revolution zu sein.

    Grüßle aus dem Schwabenland

    Uli

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    1. Lieber Uli, ein ganz herzliches Dankeschön, dass du dir die Zeit für ein so umfangreiches Statement gemacht hast. Eine bewegende, interessante Geschichte, eben gerade weil sie aus Sicht eines damals jungen Westdeutschen erzählt wurde. Manchmal weiß ich nicht, ob es besser ist, dass die Generation nach uns keine Mauern mehr kennt oder ob man nur aus bereits erlebten, negativen Erfahrungen lernt. Das ist doch wie mit unseren Kriegsverbrechen. Man kann aber auch eine Brücke zur aktuellen Flüchtlingsthematik bauen. Mir wird jetzt erst bewußt, wie wichtig es ist, unsere Geschichte zu kennen. Ich glaube, verständliche, lebendige Vermittlung ist der Schlüssel, dass wir unsere Vergangenheit verstehen, Zusammenhänge erkennen und aus Fehlern lernen können. Du hast es ihnen auf jeden Fall gut und treffend erklärt.

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  2. Liebe Uta,

    jetzt, wo du meine alte Heimat hinter dir gelassen hast, muss ich auch mal was schreiben.

    Zunächst mal ein ganz großes Kompliment, das du es trotz all der Wanderei noch schaffst einen so tollen und lesenswerten Blog zu schreiben!

    Du suchst einen Gegenpol zu der erdrückenden ehemaligen Grenze? Ganz einfach: WIR haben es geschafft sie niederzureissen! Und das ohne Blutvergießen. Das mach uns mal einer nach. Darauf können wir alle stolz sein und allein das ist ein Grund zu sagen: Es war nicht alles schlecht. Denn sonst müsste es der Mauerfall auch sein.

    Es gibt immer zwei Seiten, ich habe lange gegrübelt und habe ein sehr schönes Zitat gefunden. Aber dazu erst am Schluss.
    Sieh dir die Kinderbetreuung an. Die war im Osten definitiv besser. Die Kehrseite wiederum: Wahrscheinlich nur, um erstens die Frauen wieder der Produktion zur Verfügung zu stellen und zweitens um ideologischen Einfluss auf die Kinder nehmen zu können.
    Dadurch, dass die Frauen auch gearbeitet haben, waren sie deutlich emanzipierter. So konnten sie trotz Ehe auf eigenen Füssen stehen, was aber wiederum zu einer deutlich höheren Scheidungsrate führte…

    Eine endgültige Antwort, ob denn nicht alles schlecht war, wird wohl ausbleiben. Das ist Ansichtssache.
    Doch ist es denn so wichtig? Denn, und nun das erwähnte Zitat:

    „Wer wirklich bewahren will, was geschehen ist, der darf sich nicht den Erinnerungen hingeben. Die menschliche Erinnerung ist ein viel zu wohliger Vorhang, um das Vergangene nur festzuhalten; sie ist das Gegenteil von dem, was sie zu sein vorgibt. Denn die Erinnerung kann mehr, viel mehr: Sie vollbringt beharrlich das Wunder, einen Frieden mit der Vergangenheit zu schließen, in dem sich jeder Groll verflüchtigt und der weiche Schleier der Nostalgie über alles legt, was mal scharf und schneidend empfunden wurde.
    Glückliche Menschen haben ein schlechtes Gedächtnis und reiche Erinnerungen.“ – Thomas Brussig

    Liebste Grüße
    Mario

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    1. Lieber Mario, auch dir vielen Dank für die Zeilen. Schön, dass du dir darüber Gedanken gemacht hast. Das Sprichwort eröffnet einem eine völlig neue Blickrichtung, es hat mich fast zu Tränen gerührt. Darüber werde ich wohl noch lange sinnieren…

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  3. Hallo Uta,

    es freut mich sehr dass es dir in Thüringen so gut gefallen hast. Dein Bericht war super, quasi meine Heimat beschrieben auf einem Blatt Papier. Naja, auf einem modernen digitalen Blatt Papier. 😉
    Grüße mir den Harz!
    Ich wünsche dir weiterhin viele tolle Erlebnisse, pass auf dich auf. Nicht dass dich eine Bockenhexe entführt. 🙂
    Viele Grüße aus Stuttgart.

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    1. Hallo liebe Verena! Schön, dass du ein paar Zeilen geschrieben und dich damit hier verewigt hast. Hab so oft an euch gedacht, ich war nur 16km von Nordhausen entfernt! Eine wunderschöne Ecke, aus der du da kommst. Kannst stolz drauf sein. Nochmal alles Gute für eure Ehe und eure gemeinsame Zukunft. Ich hoffe, ihr hattet eine schöne Feier und eine gute Zeit hier. Ich bin froh, dass ich diesen Fleck Erde nun auch kennengelernt habe. Es lohnt sich auf jeden Fall ein zweites Mal hierher zu kommen.
      Viele liebe Grüße

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      1. Uta wird doch nicht von der Brockenhexe entführt und wenn doch, dann bringt die sie nach 5 Minuten zurück!
        Aber es könnte natürlich passieren das jemand Uta für die Brockenhexe hält. 😉

        Übrigens Uta, hinter dem Harz geht es dann mehr oder weniger nur noch bergab bis zur Ostsee, pass bitte auf das Du da nicht zu schnell wirst, so immer nur Bergab…

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  4. Liebe Uta!
    Verfolge deinen Blog weiterhin mit Genuss, lasse mir deine klugen Gedanken auch durch den Kopf gehen..
    Rückwirkend verklärt sich meist einiges, die Erinnerungen verblassen & meist bleibt das Positive.
    War halt wirklich nicht alles schlecht & da mich (uns) dieser Staat in meiner Jugend begleitet und teilweise auch geprägt hat haben wir da dann doch oftmals einige andere Ansichten weil im Gegensatz zu den Lebensleuten mit dem erhobenem Zeigefinger persönliche Einblicke gehabt.
    Aber nicht allzu Sentimental werden, die „neue“ Zeit brachte und bringt aus damaliger Sicht ungeahnte Möglichkeiten und Chancen! 👍👍
    Genieße deinen Weg, die Begegnungen und vor allem die Schönheit der hoffentlich meist noch unberührten Natur!
    Liebe Grüße und sei Umarmt 😚 Jan.

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