Die Rhön ohne Katrin

Es ist ein anderer Weg, seitdem Katrin weg ist. Nicht besser, nicht schlechter-anders. Nichts desto trotz, ihre Gegenwart fehlt mir. Nach ihr folgte ein Polterabend in Käßlitz, der südlichsten Ortschaft Thüringens, zudem ich wie die Jungfrau zum Kinde kam. Die Idee entstand mehr oder weniger bei einer Bierlaune am Stammtisch in der Countryscheune in (der) Einöd(e), in der ich vorletzten Montag nächtigte. Zwei Tage und 56km später trampe ich zurück, um der Feierlichkeit beizuwohnen. Ich bin heute noch sprachlos, wenn ich daran denke, wie unvoreingenommen, freundlich und offen mich diese (Dorf-/Polter-)Gemeinschaft aufgenommen hat. Ich hatte mit dem Gegenteil gerechnet. Hab mich aber auch mit ganz viel Herzblut den halben Abend hinter den Schanktisch gestellt und gefühlte dreihunderneunundachzigtrilliardenzweihundertsechzigmillionenvierundneunzigtausend Gläser gespült. (Wenn ich groß bin, möchte ich mal am Zapfhahn stehen!) (zum Vergrößern die Bilder bitte berühren)

Wenige Tage später begleitet mich für zwei Tage ein sehr guter Freund, der einen ganz eigenen Wind mitbringt und dem Weg für kurze Zeit eine andere Farbe gibt. Wie schnell man einen Menschen kennenlernt, wenn man mit ihm zusammen geht. Hier in der Natur, wo nichts stört oder vom Wesentlichen ablenkt, ist der Mensch noch Mensch. Hier lösen sich nach und nach die Verkrustungen der Seele, legt man allmählig die Schutzmechanismen und Blendungsversuche wie die Schalen einer Zwiebel ab und übrig bleibt der wahre, reine Charakter. Dafür liebe ich die Wanderschaft. Sie führt mich zurück zu den ureigensten Wesenszügen und grundlegensten Bedürfnissen. Der völlige oder teilweise Verzicht auf Komfort, das Sich-in-die-Fremde-begeben, das Herausgelöst-sein aus dem Alltag und dem gewohnten sozialen Umfeld, die Stille und die Natur verschieben die Wertepyramide und lassen erkennen, was eigentlich wichtig ist im Leben und wie wenig es bedarf, um glücklich zu sein.

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Kurz nach Max’s Abreise habe ich in einer ehemaligen Grenzkaserne in der Nähe von Tann geschlafen. Frau Angela Abe kaufte das Gebäude 2006 und verwandelte es zusammen mit ihren Söhnen in 3-jähriger Renovierungsarbeit zu einem Ferienheim mit Campingplatz um. Dabei hat sie sich sehr bemüht, den (n)ostalgischen Charakter des Hauses zu bewahren. Eine tolle Erfahrung. Auf dem gesamten Gelände ist noch der Geist der ehemaligen Grenzkompanie zu spüren.

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Mit dem Eintritt in den Landkreis Schmalkalden-Meiningen erreiche ich die Rhön, das Gebirge der „offenen Fernen“ im Grenzgebiet Hessen, Bayern und Thürigen und mit ihr verlasse ich nun auch allmählig das mir mittlerweile ans Herz gewachsene Franken. Ab Birx, einem zu DDR-Zeiten schwer zugänglichen thüringischen Zipfel, befindet sich nun, neuerdings und bisher noch ungewohnt, Hessen stetig zu meiner Linken. Die Rhön ist zum größten Teil vulkanischen Ursprungs, was den Bergen, besser gesagt den Kuppen, ein eigentümliches Aussehen verleiht. Der Baumwuchs ist im Vergleich zum Thüringer Wald spärlicher und dadurch gewähren sich dem Rhönwanderer eindrucksvolle Fernsichten. Ein älteres Ehepaar aus der Eifel erzählt mir, dass es sie seit 20 Jahren zum Urlaub in die Röhn zieht, weil es die Offenheit der Landschaft, aber auch die der Menschen hier so schätze. Von diesen Fernsichten merke ich allerdings leider nicht viel, denn ich bewege mich nun im Bereich der Langen Rhön, die mit einem Jahresmittelwert von 110 Tagen Schneebedeckung, 4,7 Grad Celsius, 1000mm Niederschlagsmenge und 200 Nebeltagen eine wahre Kälteinsel darstellt. Brrr…nix wie weg, aber nicht bevor ich dem Schwarzen Moor noch einen Besuch abstatte.

Es handelt sich hierbei um eines der wenigen, noch erhaltenen lebendigen Hochmoore, da es von Torfabbau und der damit einhergehender Trockenlegung weitgehend verschont wurde. Moore sind in der Rhön zahlreicher vertreten als in anderen Regionen Deutschlands, denn das raue Klima begünstigt deren Bildung. Für ihre Entstehung benötigt es, zum Leidwesen der ahnungslosen Grenzwanderer, viiiiiiel Regen. Diese Niederschläge müssen nun nur noch auf eine wasserundurchlässige Bodenschicht wie Torf oder Lehm treffen, dort staut sich das Wasser bis zur Oberfläche und dadurch kann organisches, totes Material, wie zum Beispiel Pflanzenreste (oder Leichen ;-)) nicht mehr zersetzt werden, sondern lagern sich als Torf ab. Ok, die Leichen natürlich nicht, die werden dank der Huminsäure, die im Moorwasser enthalten ist und durch Luftabschluss auf wunderbare Weise mumifiziert. (Bilder bitte berühren)

Das Schwarze Moor ist übrigens 66 Hektar groß, das entspricht einer Größe von 90 Fußballfeldern und die Dicke seiner Torfschicht beträgt mittlerweile stattliche 8m (Beachtlich, wächst es doch nur 1 mm pro Jahr!).

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Am Rande des Moores habe ich übrigens eine erwähnenswerte Begegnung mit dem Pächter der Verpflegungsstation am „Treffpunkt Schwarzes Moor“, Herr Roland Fuchs, der sich mit seiner einzigartigen „Schwarzmoor-Bratwurst“ rühmt. Mein Frühstück war mit einer dünnen Scheibe Honigbrot mehr als dürftig und nach „straffen“ 3km Fußmarsch kann ich, ohne Scheiß, an nichts anderes als eine Bratwurst denken.  In Erwartung des positiven Ereignisses betrete ich sabbernd und meine letzten Kräfte mobilisierend den Indoor-Imbiss und werde freudig strahlend und erstaunt begrüßt. Wo ich herkomme, wo ich hingehe und vor allem: WARUM? „Vorsicht! Die arbeitet für die Polizei.“, sagt ein Gast und zeigt augenzwinkernd auf meinen Grenzpolizisten-Aufnäher am Rucksack. ‚Nee, nee, ich bin ganz harmlos.‘ und gebe ihm bereitwillig Antwort auf seine Fragen. ‚Aber wenn ich jetzt nicht bald meine Bratwurst mit Kartoffelsalat bekomme, zücke ich meine nicht vorhandene sowjetische MG Degtjarjow Pechotnij und werde ungemütlich. Ok, er sieht die Gefahr in meinen Augen und Ellen, die Grillmeisterin, händigt mir die so heiß ersehnte Ware meines Verlangens aus. Ein Geeeeedicht! Komischerweise schmeckt immer alles königlich, wenn man tagein, tagaus zu Fuß unterwegs ist. Ein Phänomen, dass ich nur vom Wandern kenne, ich komme mir mittlerweile vor wie ein Fressmaschine auf zwei Beinen. Wie groß ist da die Freude, als mir Roland nach dem Essen noch ein Stück des weltbesten Käsekuchens serviert. Sagt man nicht Essen sei der Sex der Alternden? Dann bin ich wohl soweit. Als ich nach 2h vom Moor komme, verspüre ich, man ahnt es schon, ein „leichtes“ Hungergefühl, gönne mir erneut eine Schwarzmoor-Bratwurst und ich muss nicht lange warten, da steht ein duftender, heißdampfender Kaffee mit Riesenkeks vor meinen Augen. Womit habe ich soviel Gr0ßzügigkeit verdient? Mit dem hoffnungsvollem Versprechen auf ein Wiedersehen in Boltenhagen, wo sich Roland im Zeitraum meiner Ankunft zufälligerweise aufhält, verabschiede ich mich und ziehe erfüllt von dannen. Doch nicht, ohne dass er mir noch eine Waffeltüte voll besten Bauernhof-Eises mit auf den Weg gibt. Danke ihr Lieben, Roland und Ellen! Es war einmalig im und am Moor.20160523_161200

Diese Großzügigkeit, diese bedingungslose Bereitwilligkeit mir, einem Fremden, etwas Gutes tun zu wollen, bekomme ich übrigens nicht nur hier am Schwarzen Moor zu spüren, sondern vielerorts. Es ist die Flasche Bier des Vermieters der Ferienwohnung in Frankenheim, wenn alle Geschäfte schon geschlossen sind und der Wirt des Gasthauses kein Flaschenbier zum Verkauf hat. Es ist die Einladung einer jungen Mama zum Kaffee, die gerade einen Kindergeburtstag ausrichtet, der Kanten Brot einen anderen, wenn kein Gasthaus weit und breit zu finden ist und die Lebensmittelvorräte zur Neige gehen, das Stück Kuchen auf die Hand in einer Bäckerei, damit ich „nicht vom Fleisch falle“. Es ist aber auch der Geheimtipp Holzhütte am Wald, der einem einn nahezu kostenfreie Übernachtungsmöglichkeit bietet, der Busfahrer, der kein Fahrgeld möchte, der Lokführer einer Privatbahn, der einen ohne gültige Fahrkarte befördert, nicht zu sprechen von den vielen lieben Menschen, die mir anbieten, mich mit dem Auto ein Stück des Weges zu bringen, wenn es gar so sehr regnet, es schon spät am Abend ist oder sich der nächste Supermarkt im Nachbarort befindet. Ich blicke (zum größten Teil) in offene, interessierte Augen, erzähle bereitwillig von meiner Intension und höre mir gerne die vielen kleinen und großen Geschichten der Menschen jeder Alters- und Gesellschaftsstufe an. Und das ist es auch, was mich auf meinen Wanderungen so mit Stolz auf die Menschen in meinem Land erfüllt, aber auch in Frankreich und Spanien habe ich diese Erfahrungen gemacht. Das sind Schätze, die reich machen und Werte, die zählen. Und das sind Werte, die wir uns unbedingt bewahren müssen.

Vielleicht kann ich damit die Frage beantworten, die vielleicht vielen unter den Nägeln brennt: Nein, ich fühle mich nicht einsam, so ganz allein in der Weltgeschichte umherlaufend. Wie soll ich mich einsam fühlen, wenn mir größtes menschliches Mitgefühl zuteil wird?

Ich möchte in diesem Zusammenhang gar nicht erwähnen, dass mir nach dem Besuch im Moor und der beginnenden Regen-und Kälteperiode die Puste ausging und ich mich leer und kraftlos gefühlt habe. Der Kolonnenweg war, wenn er in Privatbesitz der Landwirte ist, kniehoch mit nassem Gras überwachsen, meine Schuhe wasserundicht und ich nach wenigen Kilometern bis auf die Socken durchnässt.

Unterkühlt und mit pfatschenden Schritten schleppe ich mich auf der Straße in den nächsten Ort und ziehe mir meine Chucks über, für die mich jeder aufgrund ihres hohen Gewichtes belächelt hat und die mir jetzt das Leben retten! Und ausgerechnet in diesen Momenten hält natürlich KEIN Auto an und so laufe ich in meinen dünnsohligen, silbernen Converse mit 15kg Gewicht auf dem Rücken und alsbaldigen Blasen an den Füßen in den wiederum nächsten Ort und… die Allegorie des Unglücks… finde keine Unterkunft und werde mehrmals schroff abgewiesen. Nun habe ich beschlossen zwei Tage in Vacha zu bleiben, die sinnbildlichen dunklen Wolken vorüberziehen zu lassen und Kraft zu sammeln. Dieses Immer-Weiterziehen ist anstrengend. Jeden Tag in einem anderen Bett zu schlafen, jeden Tag den Atom-Rucksack aus- und am nächsten Morgen wieder einzupacken, jeden Tag vor der Herausforderung zu stehen, was man isst und wo man schläft, das nagt auf Dauer an meiner Energie. Ich hoffe, es „läuft“ bald wieder besser.

5 Gedanken zu “Die Rhön ohne Katrin

  1. Liebe Uta,
    1. es kann nicht ewig regnen,
    2. Du schaffst das, ich glaub an Dich,
    3. Denk an die vielen Bratwürste die noch kommen,
    4. auf dem Brocken ist es natürlich eine Erbsensuppe mit Bockwurst!
    Zum Essen, hoffentlich nicht das Wetter, ich wünsch es Dir.

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    1. Brahaaaaatwürste….Läggor! Und Sahnetorte!Und Bockwurst mit Erbsensuppe!Und Schniposa!Und Leberwurst!Und Thüringer Rostbrätel!Und….und….und!Falk-Bruder im Geiste!Ich Danke dir für diese Inspiration.Wenn es Hackklopse regnet,kann das Wetter so bleiben.

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  2. Katrin in Köln in Gedanken an Utawegs
    ich bin wieder zuhause,und was mach ich,ich guck das erstemal in deinen blog.
    und was passiert,es haut mich aus den Socken!
    während ich abends Bier trinken war oder früh oder schön lange geschlafen habe,
    hast du Texte geschrieben,Fotos rausgesucht,gute Musik dazu gefunden,wenig geschlafen und bist
    am nächsten vormittag weitergelaufen.
    Uta,das ist jetzt wirklich eine Nummer!
    Das ist ganz toll,ich bin dein follower,dein superimmerfollower.
    Mich interessiert alles:die Farben der Schmetterlinge,die Blumen,die in den Löchern des Plattenwegs wachsen und wie die Jägerhochsitze aussehen und wo du schläfst und wer nimmt dich beim trampen mit und natürlich ob es auch richtig geilen Kuchen gibt.
    Ich hab Kolonnenwegheimweh!

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    1. Katrin!!!! Liebe Katrin! Coooool! Dass du dir das direkt angeschaut hast…tsstss Ja, siehst du mal, mit dir hatte ich immer was, worüber ich schreiben konnte. Jetzt gehen mir die Themen aus. schnief. Du musst wieder herkommen! LOS! Ich geh mit dir auch jeden Tag zu einer festgelegten Zeit Kuchen essen und Kaffee trinken. Und lauf auch von mir aus noch 5km Umweg und organisier dir welchen und du wartest so lang auf einer grünen Wiese mit einem Grashalm im Mund, Flieder hinterm Ohr, einer Flasche Bier in der Hand, ner Kippe im Mund und einem weiß-orangefarbenen Schmetterling auf der Nase. 😀 Jaaaa, followe mir! Dann sind wir schon zu Dritt. Steffi, du und ich. Das wird ein Spaß,jippie!
      Ich hoffe, du hattest eine tolle Zeit in Prag bei Obladen, Becherovka, Knödel und Gulasch und hast den ein oder anderen netten Tschechen kennengelernt. Ich wünsche dir, dass du wieder gut zurück in den Alltag findest, mit Freude zurück an die Arbeit gehst und noch lange von deinen Urlaubserlebnissen zehren kannst.
      Auf eine schöne, neue Zeit! Wir sehen uns wieder, ganz sicher!

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