Auf dem Höhepunkt der Glückseeligkeit

Die mittlere Elbe ist eine der wenigen, weitgehend noch unverbauten Flüsse Mitteleuropas und die von ihr geschaffene Landschaft wurde auf 400km Länge von der Unesco als Biosphärenreservat anerkannt. Mit den Menschen, ihrer Mentalität und Kultur, ihrer einzigartigen Natur und ihrem Erscheinungsbild stellt sie ein ganz eigenes Kapitel auf meinem Weg dar.
Fünf Tage laufe ich nun zumeist rechtsseitig entlang der Elbe auf einem mehr als 3m hohen und 5m breiten Deich, auf dessen Krone ein Radweg angelegt wurde, der den Spuren des Kolonnenweges folgt oder sie ersetzt. Ich durchlaufe die Fischer- und Hafenstädtchen Lenzen, die älteste Stadt im Landkreis Prignitz und Dömitz mit seiner markanten Pentagon-Festung und seinem berühmten Sohn Fritz Reuter. Ich streife die Fachwerkstadt Hitzacker, dem Geburtsort des verstorbenen Mannes der niederländischen Königin Beatrix und nächtige in der Fliesenstadt Boizenburg, die ehemals eine große Werft mit mehr als 2000 Arbeitern besaß und mir durch unglaublich schöne zwischenmenschliche Begegnungen in Erinnerung bleibt. Im schleswig-holsteinischen Lauenburg bewege ich mich alsdann mit der Grenzlinie nordöstlich in Richtung Schaalsee.

Endstation Elbufer
Genau in der Mitte der Elbe befand sich die Grenzlinie zwischen Ost- und Westdeutschland. Auf dem Deich errichtete man einen von insgesamt zwei Grenzzäunen, rechts darunter den Kolonnenweg. Die Elbe war also jahrzehntelang den Bürgern der DDR nicht zugänglich. Häuser, die zu nah am Ufer standen wurden „geschliffen“, Bewohner ausgesiedelt und die, die blieben den strengen Einschränkungen des Sperrgebietes unterworfen. Wälder wurden, um freie Sicht (und Schuss) zu gewährleisten, abgeholzt und die Landschaft eingeebnet.

_20160704_004048
Beispielhaft hier die Grenzanlagen von Boizenburg (Quelle Heimatmuseum Boizenburg)

Man kann sich vorstellen, wie einschneidend diese Maßnahmen für die Menschen waren, prägte doch der Fluss und die Freiheit, die er er symbolisierte bis dato ihr ganzes Leben. Unzählige versuchten die Flucht über die Elbe (wie auch über andere Grenzflüsse). Viele von ihnen wurden dabei schwer verletzt, ertranken, wurden festgenommen oder erschossen. Hier ein paar Zeitzeugenberichte, die ich ab und an auf Informationstafeln am Elbufer laß:

„Unsere jüngste Tochter ist 1976 geboren und danach ist der Signalzaun gebaut worden. Da hab ich ganz schön dran gekaut. Das hat lange gedauert, das ging über Jahre.“
„Man hat aus dem Fenster geguckt, dann hat man auf den Zaun geguckt. Das war richtig deprimierend. Dieser Stahlzaun war ja so gestanzt, dass man nur seitlich durchsehen konnte.“

Blicke vom Westen:

„Wir haben immer von drüben geguckt, wie das anfing mit den Kolchosen [landwirtschaftliche Großbetriebe], so um ’60 rum. Wenn man erhöht stand, konnte man die Dächer von Konau und Popelau sehen.“
„Es war ein komisches Gefühl. Über die Flussmitte durfen wir nicht. Und nachts leuchteten Lichter über den Deich von der anderen Seite und wir wußten, hinter dem Zaun leben auch Menschen.“

Immer wieder wurden bei Hochwasser Minen an das westdeutsche Ufer gespült, immer wieder gab es Streitigkeiten, wenn ein Schiff die Fahrrinne verließ und zu weit in das Hoheitsgebiet der DDR fuhr. Vielmals wäre es fast eskaliert. Anbei ein Propagandalied der DDR, den Text also nicht ernst nehmen.


Zusätzlich zu dieser erdrückenden Geschichte spüre ich hier seit langem einmal wieder, wie schwer der Rucksack auf meinen Schultern lastet und wie sich meine Schritte hier wie Blei anfühlen. Ich schiebe es auf den monotonen Streckenverlauf und die zumeist asphaltierten Wege. Ein Radweg heißt eben nicht umsonst RAD-Weg. Und trotz dieser Umstände habe ich diese Zeit in wunderschöner Erinnerung behalten. Ich möchte fast sagen, ich war auf dem Höhepunkt meiner Glückseeligkeit und inneren Erdung. Zu meiner Freude hielt sich bis auf ein paar nächtliche Regengüsse beständig gutes und mildes Wetter und ich konnte die gesamte Zeit über auf den zahlreich vorhandenen Zeltplätzen nächtigen und dadurch auch mit guten Gewissen ab und zu mal in eine Wirtschaft einkehren. Ich habe die Menschen hier als extrem aufgeschlossen und freundlich kennengelernt. Auf niedersächsischer Seite ist das teilweise bedingt durch die Anti-Atomkraftbewegung, die durch das unweit entfernte Gorleben entstanden ist und so eine Art „Flower-Power-Mentalität“ geschaffen hat. Vielleicht färbten mich aber auch die vielen Campingplatzaufenthalte, auf denen sowieso eine sehr lockere Atmosphäre herrscht. Man fühlt sich dort sofort wie ein Mitglied einer großen Familie und knüpft wahnsinnig schnell Kontakte. Einer davon ist Dietmar, ein echter „Hamburger Jung‘ „. Dietmar ist 72, sieht aus wie Ende 50, singt Seemannslieder und ist Allroundmusiker in drei verschiedenen Bands. Er spielt unter anderem im Schellfischposten von „Ina’s Nacht“ in Hamburg Altona, eine der berühmtesten Seemannskneipen der Stadt, für die er auch das Schellfischpostenlied komponiert hat. Nun ist er 4-5Wochen auf seinem Rad durch Norddeutschland unterwegs und schläft fast ausschließlich im Zelt. Davor ziehe ich den Hut! Wir sind uns auf Anhieb symphatisch und setzen uns mit einer Pulle Bier bei untergehender Sonne an den Sandstrand der Elbe. Wir singen, reden und hören Musik. Der Fluss fließt so ruhig und friedlich vor sich hin, die Abendsonne gitzert auf dem Wasser und Dietmar verleiht mir durch seine Anwesenheit die nötige Sicherheit, dass ich Mut fasse und eine Runde in der Elbe schwimme. Das ist einer der „perfekten Momente“. Am liebsten hätte ich ihn mir in meinen Rucksack gesteckt und mitgenommen, diesen lieben Menschen…

Elbhochwasser
Dieses Thema ist hier allgegenwärtig. Bereits in Schnackenburg kurz vor der Überfahrt auf die ostdeutsche Flussseite wundere ich mich, wie „entspannt“ die Menschen an der Elbe mit dieser Problematik umgehen. Ich spreche eine Anwohnerin auf die hohe Schutzmauer direkt vor ihrem Haus an und sie erzählt mir, dass das Wasser einmal so hoch stand, dass sie die Hand ausstrecken und die Wasseroberfläche berühren konnte. Steigt es noch höher, werden die Schotten der Mauer geschlossen und ihr Grundstück sei dann immer noch geschützt. Und wenn der Keller vollläuft, dann läuft er eben voll. So ist das nun mal. Sie lächelt verwegen und scheint mein Erstaunen nicht zu verstehen. Die Deiche prägen das Erscheinungsbild aller sich an der Elbe befindlichen Ortschaften und gehören für die Menschen ganz selbstverständlich dazu. Sie sind zwar ursprünglich auf natürliche Weise durch angeschwemmten Sand entstanden, boten jedoch nur einen geringen Schutz und im Laufe der Jahrhunderte zeigte sich, dass wirksame Protektion nur erreicht werden kann, wenn man sie verstärkte und erhöhte. Eine Herausforderung, die sich kontinuierlich durch alle Generationen der Elb-Anwohner zog. Das Jahrhunderthochwasser im Jahr 2002 hat die Menschen hier sehr geprägt und führte dazu, dass der Etat für das Schutzprogramms von der EU und dem Land nochmals aufgestockt wurde und die Deiche innerhalb kurzer Zeit bis zur nahezuen Perfektion ausgebaut werden konnten.

Vor diesen Schutzwällen befindet sich der Elbpolder, Niederungen, die aus Feuchtwiesen, Weiden und Auenwäldern bestehen. Und in den Fluss ragen unzählige bewachsene Buhnen wie Halbinseln hinein. Hier entstand eine Vegetation, die sich den unregelmäßigen Überschwemmungen angepasst hat. Dahinter, im Deichvorland befinden sich die Häuser, die teilweise auf Warften erbaut wurden, künstliche, aus Erde aufgeschüttete Hügel, die selbst wenn das Wasser den Deich übersteigt oder durchbricht, immer noch erhöht und dadurch geschützt stehen. Schafe, Störche, Graureiher und Wildgänse prägen das Landschaftsbild. Ganz zu schweigen von den nicht auf den ersten Blick sichtbaren Tieren. Biber, Fischotter, Kormorane, Seeadler, Milane, Unken und Frösche, um nur einige wenige zu nennen. Die Schafe sorgen übrigens dafür, dass die Grasnarbe vor und auf der Düne kurz und fest gehalten wird und pflegen den wertvollen Trockenrasen auf der Düne, indem sie unerwünschtes Gras fressen. Ein ausgeklügeltes System also, dass Natur- und Hochwasserschutz verbindet.

Wasser ist Leben ist Freiheit.

Die Elbe ist der Inbegriff dafür. Dass sie einmal zur Todeszone deklariert wurde und sich aus jenen Fesseln wieder befreit hat, bestärkt mich nur noch in dieser Feststellung.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

7 Gedanken zu “Auf dem Höhepunkt der Glückseeligkeit

  1. Fein geschrieben,aber sollte das nicht geschliffen heißen?
    –Häuser, die zu nah am Ufer standen wurden „geschiffen“, —
    Schiffen ist doch was anderes, oder? 😉

    Gefällt mir

  2. Bald bist du nach dieser langen Zeit mit voller Eindrücken am Ziel angelangt. Du kannst so stolz auf dich sein. Ich werde am Donnerstag auf dich anstoßen meine Maus. Danke für den wunderschönen Beitrag und Bilder von der Elbe. Da bekomme ich gleich Fernweh. Viel Kraft und Glückseligkeit auf deinen letzten Kilometer.

    Gefällt mir

  3. Hallo Uta, Du bist ja nun fast am Ziel deiner großen Reise, aber was kommt danach? Einfach wieder in den Zug steigen, sich mit unzufriedenen Reisenden rumschlagen? Geht das denn, nach so einem langen Weg?

    Gefällt mir

  4. Durch Zufall habe ich diesen Bericht entdeckt,sollte Dietmar das noch nicht gelesen haben,werde ich es
    ihm nahelegen!Er freut sich ganz bestimmt 🙂 ! Herzliche Grüße aus Hamburg !

    Gefällt mir

  5. Hallo Uta, eine Freundin hat mich auf Deine Reiseerinnerungen aufmerksam gemacht. Ja, ich denke noch gern an unseren Abend an der Elbe zurück, Dietmar.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s