Ayurveda & Hartz IV

Es geht in die heiße Phase!
Nur noch 140km trennen mich von der Ostsee und knapp 170km von Boltenhagen, dem Ziel meiner Reise. Immer öfter konfrontiere ich mich jetzt mit dem Gedanken, dass das Ende mit jedem Tag näher rückt. Wie ist das überhaupt, ein Leben ohne Laufen? Ein Leben im Stillstand? Zurück in den Alltag, das Hamsterlaufrad, die Freiheit, die sich heute noch so selbstverständlich anfühlt in wenigen Tagen einzutauschen gegen ein Leben in geordneten, gleichbleibenden Bahnen? Pflichtbewußt wieder dem alten Beruf nachzugehen, nicht mehr nur eigenverantwortlich zu handeln und sich wieder in gewohnter Umgebung zu bewegen. Nicht ständig weiterziehen zu müssen und am Abend dahin zurückzukehren, wo man hergekommen ist. Zurückkehren… Wie fühlt sich das an? Wer wartet da? Mein Magen krampft sich ein wenig zusammen bei dem Gedanken. Und doch weiß ich nicht warum, denn mit diesem Verweilen an einem Ort sind ja auch Bequemlichkeiten und Vorzüge verbunden. Da sind Freunde, liebe Kollegen und Alt-Vertrautes, das eigene Bett, ein Sofa, ein Kühlschrank, ein Fernseher und eine Waschmaschine. Schränke, in die man Sachen deponieren und wieder herausnehmen kann und die Tatsache, nicht mehr den Launen des Wetters ausgesetzt zu sein. Auf diesen letzten Kilometern kreisen meine Gedanken fast täglich um dieses Thema und das ist auch gut so. Ganz allmählig bereite ich mich so darauf vor, dass jeder Abschnitt im Leben endlich ist, so auch dieser.
Der Weg zeigt sich hier zwischen Schleswig-Holstein und Mecklenburg von seiner schönsten Seite. Die Anzahl der Gewässer nehmen zu und verleihen der Natur eine unheimliche Vitalität. Wie reich doch dieses Land ist, denke ich und habe ein Lied von Rainald Grebe im Hinterkopf : „Sie war ein Kind ihres Landes, sie war wie ihr Land, wunderwunderschön, aber arm wie eine Tüte Sand.“ Und die Menschen… naja… die Herzlichkeit strahlt ihnen zwar nicht aus dem A…., aber man kommt auf jeden Fall an sie ran. Hab es mir viel schlimmer vorgestellt. Die Mecklenburger sind ja verschriehen, sehr zugeköpft zu sein. Meine Familie hat viele Jahre in Gnoien gelebt und meine Mutter sagte mir mal: „An die Mecklenburger kommst du schwer ran, aber wenn du es einmal geschafft hat, hast du Freunde für’s Leben.“ Mag aber auch sein, dass ich in diesen Tagen einfach ein wenig in mich gekehrt bin und die vielen Urlauber an den unzähligen Seen einfach ihre Ruhe suchen und ich deshalb nicht so viele Kontakte knüpfe. Urlauber sind sowieso eine Kategorie für sich. Und Mecklenburg ist voll davon. Ayurveda und Hartz IV, Kopfsteinpflaster und Reetdächer.


Diese letzten Kilometer führen mich, wie im letzten Beitrag schon erwähnt, vorbei am Schaalsee, dessen mecklenburgischer Teil, wie der, der mittleren Elbe, von der Unesco als Biosphärenreservat anerkannt wurde. Durch den Dornrößchenschlaf während der DDR-Zeit und seiner exponierten Lage im Sperrgebiet (Die Grenze zog sich mitten durch das Gewässer und schloss dadurch eine touristische Nutzung aus.), entwickelten sich artenreiche Uferregionen, in denen seltene Tiere wie Eisvögel, Kraniche, Fischotter und Adler einen Lebensraum gefunden haben. Auch die vom Aussterben bedrohte Rohrdommel findet hier am Schaalsee ein Zuhause. Man zählt mittlerweile 8-10 Männchen, die im Schilf-und Röhrichtbereich am Schaalsee leben sollen. Ihre dumpfen Balzrufe haben ihr den Namen „Moorochse“ eingebracht. Sie jedoch einmal zu Gesicht zu bekommen ist höchst unwahrscheinlich, die Moordommel ist sehr scheu und hat eine ausgeklügelte Taktik, sich vor Feinden zu tarnen: Sie richtet den Kopf nach oben, nimmt die Pfahlstellung ein und wiegt sich mit dem Schilf im Wind. Durch ihr braun-geschecktes Federkleid und ihre schlanke Erscheinung ist sie so kaum mehr von ihrer Umgebung zu unterscheiden. Das heißt, selbst wenn man sie sieht,sieht man sie eigentlich gar nicht. Was mir auch hier wieder auffällt: Vom Sturm entwurzelte Bäume dürfen, solange sie nicht die Wege versperren, liegenbleiben und vor sich hinrotten. Das Totholz liefert bei Zersetzung wertvolle Mineralien für den Boden und bietet Lebensraum für Kleinsttiere, Pilze, Flechten und Moose.
Ab dem Schaalsee ernähre ich mich übrigens fast ausschließlich von Fisch. Das ist eine meiner „Wander-Philosophien“, bevorzugt regionale Lebensmittel zu konsumieren. Dadurch lernt man landes- und regionstypische Speisen kennen und profitiert gleichzeitig von ihrer Frische. Was liegt da näher, als Fisch der mecklenburgischen Seenplatte? Das ist eines der Nahrungsmittel, das es hier im Überfluss gibt, das täglich verfügbar und dadurch nährstoffreich und erschwinglich ist. Eigentlich sollte man diese Einstellung in den Alltag übertragen, aber man mag ja auch nicht immer nur Schwarzwälder Schinken, württembergischen Wein und Topas-Äpfel vom Bodensee essen. Was ich jedoch damit sagen will: Wir achten im Allgemeinen zu wenig darauf Lebenmittel zu verzehren, die kurze Wege zurückgelegt haben und greifen zu oft zu Nahrungsmitteln, die aus dem Ausland kommen. Nicht zuletzt natürlich, weil der Preis kein Argument mehr darstellt. Ich wünsche mir diebezüglich ein bißchen mehr Bewußtsein, ohne dabei pedantisch zu sein. Müssen es im Winter wirklich unbedingt Erdbeeren sein?
Vom Schaalsee geht es weiter nach Ratzeburg und dem gleichnamigen See, wobei mir die Stadt durch ihre unvorteilhafte Verkehrsführung in schlechter Erinnerung bleibt. Es ist erstaunlich, wie stark sich meine Psyche inzwischen entschleunigt hat. Ich ertrage hohe, unnatürliche Geräuschpegel und monologe, oberflächliche Gespräche nur noch schwer und große Städte, Menschenansammlungen und Straßenlärm sind mir unerträglich. Am liebsten höre ich das Rauschen der Baumwipfel, Vogelgezwitscher oder das Plätschern eines Baches. ICH, die noch vor nicht allzulanger Zeit eine fernsehguckende Couchpotato und ein Musikjunkie aus der Großstadt war. Es ist unglaublich, dass ich darauf einmal freiwillig verzichten und eine derartig hohe Sensibilität entwickeln würde.

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Ich bin jetzt nur noch 5km von Lübeck entfernt und die Region wird mit jedem Schritt maritimer. Ich habe das Gefühl, ich höre mit einem Auge schon das Meer riechen. Ich vernehme das Kreischen der Möwen und während mich Kiefernwälder, Sanddorn und Heidelandschaft begleitet, laufe auf meinen letzten Kilometern immer häufiger auf sandigem Untergrund. Auf der Halbinsel Priwall angekommen, behalte ich mir den Besuch am Meer vor und suche mir stattdessen eine einfache Unterkunft für zwei Nächte im „Naturfreundehaus Priwall“ mit Blick auf die Trave-Mündung. Hier widme ich mich ein letztes Mal dem Verfassen eines Blogbeitrages, bevor ich feierlich und nachdenklich nach anderthalb Tagen zu meiner letzten Etappe nach Boltenhagen aufbreche. 1 km nach Verlassen der Herberge stoße ich wieder auf den Grenzweg und folge ihm weitere 200m nach links in Richtung Ostsee. Ich schreite langsam und gespannt durch die Dünen, vorbei an Kartoffelrosen, Sandsegge, Silbergras und Sanddorn, hinter denen sich mir bis dato das Meer verborgen hielt.
Nun ist große Moment ist gekommen: Der Tag, an dem die Ostsee und ich aufeinander treffen sollen. Meine Augen werden feucht, bis zaghaft die ersten Tränen über meine Wangen rollen. Ich stehe da und blicke auf’s Meer. Ich bin jetzt tatsächlich an der Ostsee angekommen, oder? Bis vor ein paar Wochen war der Gedanke daran überhaupt nicht greifbar! Dieser Moment ist für mich sehr bewegend und je länger ich schaue, desto bewußter erlebe ich die Bedeutung dieser Situation. An mir vorbei ziehen die Bilder und Erlebnisse der letzten 11 Wochen. Meine Beine fühlen sich an wie Pudding und in mir steigt plötzlich eine unbeschreibliche starke Rührung auf, die sich in Form eines herzzerreißenden Schluchzen entlädt. Ich erlebe diesen Moment ganz bewußt und erfahre das Ankommen am Meer als die schönste aller Belohnungen.

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Die letzten Meter…
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Geschafft! Das Wasser kommt mir begrüßend entgegen…
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Ostsee und Uta. Endlich beisammen.

Hier endet sie nun, die Grenzlinie auf dem Festland, die Deutschland jahrzehntelang tief ins Fleisch schnitt und einen unüberwindbaren kulturellen, politischen und sozialen Graben darstellte und zieht sich unsichtbar nord-östlich weiter über das Meer bis sie im rechten Winkel auf die dänische Grenze trifft. Mein Weg jedoch zieht sich weiter an der Küste entlang gen Osten Richtung Boltenhagen.

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Denn dass die DDR in ihrem Mißtrauen gegenüber der eigenen Bevölkerung nicht zu übertreffen war, ist bereits bekannt. Sie sicherte weitere 17km des Küstenstreifens mit einem Grenzzaun und den altbekannten Sperranlagen und versuchte so Fluchtversuche über die Ostsee zu verhindern. Das hatte zur Folge, dass dieser Teil der Küste völlig unverbaut und naturbelassen ist. Gut für die Natur, schlecht für mich, denn ausgerechnet heute habe ich überhaupt nichts zu Essen dabei und der Hunger zwingt mich auf der Hälfte der Strecke 1km vom Weg abzuweichen und in ein maßlos überteuertes Schlossrestaurant mit aufgesetzt freundlichem Personal und steifer Atmosphäre einzukehren. Außerdem wich der Kolonnenweg einem asphaltierten Radweg, der sich zwar an der Küste entlangzieht, jedoch zur entscheidenden Seite mit dichtem Baumwerk bewachsen ist und so von der Präsenz der See nicht viel mehr als die Vorstellung bleibt. Unfreundliche Radtouristen preschen wie Marionetten schweigend an mir vorbei, die einzige Form der menschlichen Regung bleibt ein herzloses Klingeln, als sei ich ein unwillkommender Störfaktor, der auf diesem Teil des Weges nichts verloren hat. Ein paar Mal versuche ich auf den Strand auszuweichen, doch der weiche, sandige oder von Geröll bedeckte Untergrund gestalten das Fortbewegen so beschwerlich, dass ich nach wenigen Kilometern erschöpft aufgebe und auf den verhassten Radweg zurückkehre.

Selbst hier am Strand treffe ich auf verschlossene Menschen, die mit sich selber beschäftigt scheinen und von denen nur wenige unwirsch und ungeduldig bereit sind, auf mein Bitten ein Foto von mir machen. Das einseitige Grüßen verschlucke ich irgendwann zwanghaft, stattdessen formt sich ein Klos im Hals und ein Knoten im Magen. Die anfängliche Euphorie weicht der harten Realität. Ich fühle mich kraftlos und jeder weitere Schritt kostet Überwindung. Hier würde ich am liebsten aufhören zu laufen, diese Etappe ist eine Qual. Da ist immer wieder die Frage nach dem Sinn. Warum ist gerade dieses letzte Stück Weg so unattraktiv? Und warum habe ich gerade heute so ungewöhnlich viele negative Erlebnisse?

Doch deren eigentliche Bedeutung soll sich mir erst später erschließen…

Ein Gedanke zu “Ayurveda & Hartz IV

  1. Ein Leben ohne Laufen und sich frei Bewegen kann ich mir persönlich vorstellen. Sich eigenständig Fortbewegen zu können ist glaube das höchste Gut was Menschen besitzen die es können

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